Die Entstehung der Narrengilde Lörrach

Erfahren Sie etwas über die Entstehung und Geschichte der Narrengilde Lörrach.

  • Eine Narrengilde wird gegründet

    Wie vieles im Leben, wird manches durch den Zufall begünstigt. So auch die Gründung der Narrengilde Lörrach. Es war nach der Fasnacht 1935, als der damalige Bürgermeister Reinhard Boos das Frisörgeschäft Maier-Muser besuchte, um sich die Haare schneiden zu lassen. Beide kamen auf die vergangene Fasnacht zu sprechen, die seit dem verschwinden des Narrhalla-Comites weder organisiert war noch auf der Strasse in Form eines Umzuges stattfand. Boos fragte Maier-Muser im Verlaufe des Gesprächs, ob es nicht möglich wäre in Lörrach einen Umzug auf die Beine zu stellen. Dieser bejahte zwar die Frage, stellte aber gleichzeitig fest, dass dies mit enormen Kosten verbunden wäre. Boos gab daraufhin die Zusage, ohne irgendwelche Beschlüsse zu erwirken, dass die Stadt Lörrach einen Zuschuss in Höhe von 500 Reichsmark gewähren würde, falls Maier-Muser es schaffte, einen Umzug auf die Beine zu stellen. So geschah es, dass Maier-Muser am 11.11.35 interessierte Lörracher Bürger ins Bahnhofshotel der Stadt einlud. Sinn dieser Veranstaltung war es, in Lörrach eine organisierte Fasnacht auf die Beine zu stellen und 1936 die erste Strassenfasnacht mit einem Umzug nach dem Weltkrieg von 1914-18 durchzuführen. Um 11.11 Uhr rief Johann Maier-Muser in einem Kostüm a la Kaiser Franz Josef die Fasnacht aus. Andere Fasnachtsbegeisterte schlossen sich an, unter ihnen der bekannte Kunstmaler Adolf Glattacker, der dann auch das Emblem der Narrengilde (den Gildenkopf) und die Figur des Zundels schuf.

    Aus den Akten des Lörracher Stadtarchivs ist näheres über die Gründungszeit zu erfahren:
    Am 20.Januar 1936 erging ein Schreiben des ‚Elferrats Lörrach‘ an Handwerk, Handel und Industrie sowie an Vereine und Musikabteilungen in Lörrach, worin mitgeteilt wurde, dass am 17. Januar 1936 ein Elferrat und damit eine Narrengilde gegründet worden sei. Mitglieder des Elferrats waren: Johann Maier-Muser (Vorsitzender), Albert Güthlin (Kassier) sowie Max Rinkenburger, Wilhelm Zimmermann, Fritz Wunschel, Karl Führe, Hermann Vogt, Friedrich Jung, Max Muny, Ernst Vomstein und Eugen Jost. Als Beiräte konnte man die Herren: Zökker, Presse, Brändlin, Max Dörflinger, Oskar Dörflinger, Berger, Kabisch, Argast, Kolb, Glünkin und Marquart gewinnen. Die oberste Schirmherrschaft übernahm der damalige Bürgermeister Reinhard Boos.

    Zum Gildenkönig (heute Protektor) wurde Karl Maurer bestimmt,der sich Jendy I. nannte.Zu seinem Gildenarr wurde Egon Leible bestimmt. Weiter war dem Schreiben zu entnehmen, dass man am Fasnachtssonntag dem 25.02.36 einen Umzug durchführen wolle. Der Zug solle unter anderem aus Fasnachtswagen bestehen, welche originell und natürlich närrisch sein müssten, ebenso aus Musikformationen und Fussgruppen. Am 24. Januar 1936 berichtete das Oberbadische Volksblatt: ‚Die Lörracher Fasnacht marschiert‘. Der Elferrat habe gute Vorarbeit geleistet für das Gelingen der ‚ersten offiziellen Lörracher Fasnachtsveranstaltung nach dem Kriege‘.

  • Die Lörracher Fasnacht erhält ihre Form

    Nachdem die Narrengilde gegründet war, bildeten sich rasch auch verschiedene Garden und Cliquen. So sind beispielsweise die Gildengarde, die sich damals aus höheren Bürgerstöchtern unter ihrem Kommantanten Hermann Schäfer zusammenfand sowie die ersten drei Zundel (Thomma, Roth und Müller) zu nennen, die im Hebelschen Zundelheiner ihren Ursprung fanden. Die Zigüner-Clique mit ihrem Zigeunerbaron Fritz Schäfer wurde im Sternen in Stetten gegründet und konnte bereits an der Fasnacht 1936 teilnehmen. Auch die Dällerschlägger aus dem Männerchor Lörrach wurde ins Leben gerufen und andere bereits bestehende Vereine, wie z.B. Stadtmusik und der Spielmannszug, fanden sich zur ersten organisierten Fasnacht ein.

    Am Abend des ‚Schmutzige Dunnschdig’ 22.02.36 gab es einen ersten ‚Nachtwandlerumzug‘ (heute Hemliglunggi-Umzug) durch die Strassen der Stadt. Das erste Narrenzeichen, der Lörracher Dällerschlägg, wurde erstmals durchgeführt und auch der Fasnachtsruf ‚Friss’n wäg – dr Schnägg‘ war erstmals zu hören. Der Fasnachtssonntag mit einem gut organisierten Umzug fand Anklang – tausende von Zuschauern seien auf den Beinen gewesen. Sogar die Tumringer, eben erst durch Zwangseingemeindung Lörracher geworden, nahmen mit einem grossen Aufgebot am Umzug teil. Bis heute sind sie ein wichtiger Bestandteil der Lörracher Stassenfasnacht geblieben.

    Umfangreicher als heute war zu jener Zeit die Fasnacht in den damals noch zahlreichen Sälen der Gasthäuser. Der Gildenkönig,mit seinen vier Pagen,von denen er immer begleitet wurde,der Gildenarr und der Elferrat machten allen Veranstaltungen einen Besuch und marschierten unter dem Beifall der Gäste ein. Und auch der Fasnachtsdienstag hatte ein volles Programm, angefangen von einem Besuch des Elferrats in Tüllingen, einem ‚Aufmarsch‘ im Hebelpark, einem Besuch im Rathaus beim Schrimherrn und einem Kinderumzug am Nachmittag. Am Abend folgte dann die Verbrennung des ‚Bög‘ auf dem Engelplatz sowie ein Kehrausball in den Sälen des ‚Hirschen‘. Die Lörracher Fasnacht hatte ihre ‚Form‘ gefunden und bis heute weitgehend beibehalten.

    Nach der Fasnacht 1936 ist die Stadt bereit gewesen, fortan einen Zuschuss für die Strassenfasnacht zu leisten.

  • Eine Fasnacht für das ganze Markgräflerland

    Nach diesem gelungenen Einstieg in eine ‚eigenständige Fasnacht‘ hatte sich die „Narregilde Lörrach 1936“ für die Fasnacht 1937 noch einiges mehr vorgenommen. Man wollte in Lörrach eine traditionelle Fasnacht für den ganzen Kreis Lörrach aufziehen, wobei die ‚Tiernamen der Gemeinden‘ und sonstige ‚Spottnamen‘ im Vordergrund stehen sollten. Die Bürgermeister der Gemeinden wurden entsprechend zur Mitwirkung aufgefordert und nach Lörrach eingeladen. Am 6. Januar 1937 kamen die Vertreter der Gemeinden schliesslich in Lörrach zusammen, wo sie abends um 19.30 Uhr beim Rathaus begrüsst und anschliessend in feierlichem Umzug in den Lasser-Saal geleitet wurden. In der gemeinsamen Besprechung konnte festgestellt werden, dass für die erste ‚Markgräfler Fasnacht‘, deren Berechtigung man mit einem Bildnis der sogenannten ‚Binzener Thonnerknaben‘ begründete, welches der damalige Denkmalspfleger Julius Wilhelm in einem Basler Archiv endeckt hatte, bereits Anmeldungen aus 37 Orten vorlagen und auch sechs bis sieben Musikzüge zu erwarten seien. Auch die ‚Wiiler Zipfel‘ waren angemeldet.

    Zuvor fand am 11.11.1936 bereits die Fasnachtsproklamation statt, zu der sich der Elferrat um 11.11 Uhr in der ‚Gildenstube‘ des Gasthauses Schlüssel zusammengefunden hatte. Alle waren mit der von Adolf Glattacker geschaffenen Künstlerkrawatte angetan. Am Abend des gleichen Tages gab es im Lasser-Saal zudem eine Eröffnungssitzung, an der erstmals auch die neugegründete ‚Ranzengarde‘ in Erscheinung trat, in der sich einige ‚recht stattliche Männer‘ zusammengefunden hatten.Gildenkönig wurde wieder Karl Maurer,der wieder wie im Jahr zuvor Egon Leible zu seinem Gildenarr ernannte.

    Am ‚Schmutzige Dunnschdig‘ 4.02.37 standen ein grosser Nachtwandlerumzug und eine festliche Narrensitzung im Hirschen auf dem Programm. Der Nachtwandlerumzug – halb Lörrach sei auf den Beinen gewesen – stellte sich beim Güterbahnhof auf und zog durch die Innenstadt vor den Hirschen. Für die Teilnehmer waren ein weisses Nachthemd und eine weisse Zipfelmütze vorgeschrieben. Vor dem Hirschen wurde der ‚Müpfi‘ verbrannt, jene symbolische Gestalt für Miesmacher und Nörgler und anschliessend in den Hirschenbrunnen geworfen. Zur Narrensitzung in den zum ‚Circus Verrückt‘ umdekorierten Hirschen-Saalmarschierte der Elferrat mit grossem Pomp ein, gefolgt von der 24 Mann starken Ranzengarde in der der ehemaligen Bürgerwehr nachgebildeten Uniform unter ihrem Kommandanten Hermann Theurer. Bei der Festsitzung ging es hoch her. Musiklehrer Herbert Grom dirigierte die Stadtmusik, welche den von Adolf Glattacker verfassten Lörracher Narrenmarsch intonierte. Dann folgte ein humorvolles Programm, unter anderem mit einer Narrenschule unter ‚Lehrer‘ Adolf Glattacker sowie mit Schnitzelbänken und Tanz.

    Am Fasnachtssonntag, 7.02.37, dann der Umzug, der unter den gestrengen Augen des Preisgerichts Hermann Strübe-Burde, Notar Dr. Wunder, Denkmalspfleger Julius Wilhelm sowie den Kunstmalern Max Brombacher und Adolf Glattacker durchgeführt wurde. Eine Brombacher Gruppe spielte auf einem Grosswagen die bereits damals von den damaligen Machthabern geforderte Eingemeindung von Brombach in die Stadt Lörrach aus und erhielt dafür den ersten Preis. Unter den Preisträgern waren auch heute noch bekannte Namen zu finden: die Tumringer Güggel (Wiedergründung 1964), die Stettemer Zigüner und die Ufhabi Clique. Da die ‚Tiernamen‘ der einzelnen Gemeinden besonders betont werden sollen entstanden in dieser Zeit auch die noch heute gültigen Fasnachtssymbole unserer Stadt: Güggel für Tumringen, Frösch für Stetten (Wiedergründung 1954), Schnägge für Tüllingen und Lerchen für Lörrach.

  • Erster Oberrheinischer Narrentag 1938 in Lörrach

    Beim Frühlingsfest der Narrengilde im Hirschen-Saal am 10. April 1937, bei dem auch die Preisverleihung für den Umzug erfolgte, wurde bekanntgegeben, dass sich Lörrach um die Ausrichtung des 1. Oberrheinischen Narrentreffens 1938 bemüht. Die Weichen für dieses Grossereignis wurden nach internen Vorbereitungen am 19. September 1937 gestellt, als sämtliche Zunftmeister der Oberrheinischen Narrenzünfte in Lörrach die Lokalitäten und Plätze besichtigten und ihnen von Zeremonienmeister Hans Uhl das schon fast fertige Programm erläutert wurde. Der Sprung in die Fasnacht 1938 am 11.11.1937 stand denn auch unter dem Zeichen des bevorstehenden Grossereignisses. Fritz Asal wurde zum ‚Gildenkönig Fritz I.‘ und Fritz Ludin zum ‚Gildennarr‘ ausgerufen.

    Der 1. Oberrheinische Narrentag am 12. und 13. Februar 1938 war für Lörrach ein grossartiges Ereignis. Da war der Auftakt mit der Zunftmeistertagung am Samstagvormittag in der ‚Gildenburg‘ (Hotel Krone), vor der an beiden Tagen rund um die Uhr eine Wache der Ranzengarde postiert war. Am Samstagabend die festlichen Gildenabende im Hirschen und in der Krone. Festlicher Empfang der Zunft-, Gilden- und Gardenvertreter im Rathaus am Sonntagmorgen und dann am Nachmittag der grosse Umzug mit über 60 Gruppen, Wagen und Musiken, vielbejubelt von den zahlreichen Zuschauern. Im Anschluss an den Umzug gab es weitere Vorführungen der Zünfte und Gruppen auf dem Burghof. Bei der anschliessenden Preisverleihung im Hirschen erhielten die Stettemer Zigüner zusammen mit den Freiburger Kindsköpf einen ersten Preis. Adolf Glattacker, der bei vielen Lörracher Fasnachtsumzügen stets als Einzelmaske auftrat, hatte für diesen Narrentag eine Zeichnung angefertigt. Das Bild zeigt den Lörracher Gildenkönig, wie er einige Narren vom Oberrhein auf dem Burghof willkommen heisst – die mittlere Figur einen Zunftmeister der Schelmenzunft ‚Till Eulenspiegel‘ von Staufen, rechts von ihm ein ‚Flecklehäs‘ der Breisgauer Narrenzunft Freiburg und links davon einen Breisacher Gaukler. Die Ehrenwache hält die ‚Gildengarde Lörrach‘ (später Frauengarde). Links am Markstein sind Lörrachs Wappentiere zu sehen: die Lörracher Lerche, der Stettemer Frosch und der Tumringer Güggel sowie über dem Monogramm des Künstlers die Tüllinger Schnecke.

    Die eigentliche Fasnacht wurde nun schon ‚traditionsgemäss‘ mit dem Nachtwandlerumzug am Schmutzige Dunnschdig eingeleitet, wobei erstmals Fackeln und Laternen mitgeführt wurden. Daran schloss sich der Gildenabend im Hirschen an und am Fasnachtssonntag wurde ein Kinderumzug veranstaltet mit noch einigen erhalten gebliebenen Umzugswagen vom Narrentag. Nach dem Umzug fanden auf dem Burghof Aufführungen und Spiele der Kinder statt.

  • 1939: Lörracher Zundeltag

    Für die Fasnacht 1939 propagierte die Narrengilde Lörrach für den Fasnachtssonntag 19.2.1939 einen ‚Lörracher Zundeltag‘, um diesen Lörracher Narrentyp in seinem vielfarbigen Kleid in den Vordergrund zu stellen .Am 14.1.1939 wurde Egon Leible zum Zundelkönig (zuvor Gildenkönig) ausgerufen,der Fritz Ludin zu seinem Gildenarr ernannte. Diese letzte Fasnacht vor dem zweiten Weltkrieg stand bereits unter finsteren Vorzeichen. Wenn man die politischen Schlagzeilen in der Presse nachliest, glaubt man, dass üble ‚Narren‘ die echten Narren schon bei weitem übertrumpft haben.